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Ein Brief an mein Handy

Hallo Handy,

wahrscheinlich findest du es komisch, das ich dir hier und jetzt schreibe. Ich finde es auch ein bisschen komisch, und der, der es liest wohl auch. Aber ich fühle mich jetzt gerade einfach danach mit dir zu reden. Denn in unserer Beziehung zueinander läuft so bisschen was schief. Ich spüre nämlich, dass du mich beherrscht. Ich wollte dich, und mich, nur nochmal daran erinnern, dass ich hier der Mensch bin, mit dem Verstand und der Vernunft. Und du bist nur ein Gerät, von einem Menschen erfunden, ohne Verstand, ohne Persönlichkeit. Und ich glaube, ich habe dich durchschaut. Ich glaube, du möchtest mir, weil du eben das nicht hast, mir meinen Verstand und meine Persönlichkeit weg nehmen. Ich spüre, dass du das mit mir versuchst. Aber ich sage dir eins. Wenn ich es zulasse, wirst du es wohl schaffen. Aber auch wenn du es geschafft hast, wird dir das rein gar nichts bringen. Denn du wirst dadurch nicht schlauer, du wirst dadurch nicht vernünftiger, du wirst dadurch nicht persönlicher. Denn du bist eine erfundene Maschine. Eigentlich dazu erfunden, um Menschen zu helfen, aber dazu missbraucht, sie gefangen zu nehmen. Das habe ich durchschaut. Und wenn ich von mir behaupte, ein Mensch mit Vernunft zu sein, wirst du mich wohl belächeln und dir denken, (obwohl ich stark bezweifle, dass du denken kannst, aber ich personifiziere dich gerade), dass ich durch deine Anschaffung offensichtlich gegen alle Vernunft gehandelt habe. Und wahrscheinlich hast du recht. Denn welcher mit Vernunft handelnde Mensch, entscheidet sich dafür sehr viel Energie aufzubringen, in Form von Geld, um ein Gerät in sein Leben zu holen, welches ihn im Geist und in seinen Handlungen gefangen nimmt, welches ihm Intelligenz raubt und ihm unendlich viele Sorgen und Gedanken kostet. Du hast recht. Es ist unvernünftig ein Handy zu haben. Wenn man es so verwendet, wie der Großteil aller Smartphonebesitzer dies leider tut. So wie ich dich verwende. Dann bist du sinnlos. Für mich. Für andere bist du wohl ein gutes Werkzeug um mich klein zu halten, um mich zu kontrollieren, um Zweifel, Ängste, Wünsche, Unvollkommenheiten in mir zu säen. Vielleicht. Ich will dich nicht beschuldigen, und eigentlich will ich auch niemand anderen beschuldigen, denn ich bin es ja, die entscheidet. Auch wenn andere durch dich ganz leicht ihre Interessen durchsetzen können, bin doch ich es, die dir deine Macht gibt. Ich bin es, ganz alleine ich, die dir die Macht gibt, mich schlecht fühlen zu lassen. Ich bin es, die dir erlaubt, meine Zeit zu stehlen. Ich bin es, die dir erlaubt Einfluss auf meine Gedanken, auf meine Gefühle, auf mein Leben zu geben. Deshalb bin nur ich es, die unvernünftig handelt. Aber ich erkenne es. Ich erkenne, wie ich dir erlaube, mich selbst zu zerstören. Ich erkenne es. Und entscheide mich dafür, mich dagegen zu entscheiden. Ich entscheide mich dafür, dir keine Macht mehr zu geben, dich negativ auf mein Leben auszuwirken. Aber ich weiß, dass du auch anders kannst. Ich glaube an deinen ursprünglichen Zweck. Ob die Menschheit dich überhaupt braucht, darüber kann man wirklich streiten. Ich bin der Meinung, dass man dich nicht braucht. Ich glaube, dass man dich nur erfinden konnte, weil es auch eine natürliche, dir zugrundeliegende Methode gibt, von all den Dingen die du kannst. Aber all die Dinge kann ich eben nicht. Ich lebe nun einmal in dieser Gesellschaft. Ich lebe nun einmal im 21. Jahrhundert in Deutschland und kann diese Dinge nicht, und werde sie wohl in meinem Leben auch nicht lernen können. Manchmal bin ich darüber sehr traurig. Dass ich dich brauche, um mich entwickelt zu fühlen. Ich bin traurig darüber, dass ich dich brauche, um das Gefühl zu haben, in einer fortschrittlichen Gesellschaft zu leben. Und überhaupt finde ich es traurig, dass hier wo ich lebe, Menschen ohne ein Handy als rückschrittlich und als nicht aus diesem Jahrhundert bezeichnet werden. Es fühlt sich fast so an, als würde erst das Handy einen Menschen zu einem richtigen, modernen Menschen machen. Aber in Wahrheit ist es genau andersherum. In Wahrheit entwickelt sich jeder, der sein Leben vor seinem Handy verbringt zurück. In Wahrheit findet vor dem Handy keine Entwicklung, sondern ein Rückschritt statt. Das kann man doch ganz logisch darin begründen, dass uns das Handy Dinge abnimmt, die wir, wenn auch mit etwas Übung, genauso, wenn nicht sogar besser, alleine hinbekommen könnten. Zum Beispiel das Nachdenken. Handy, ich hoffe einfach, dass du dir deiner Macht bewusst bist. Ich hoffe einfach, dass du weißt, wie mächtig du bist. Und ich wünsche mir so sehr, dass du den Menschen dabei hilfst, sich von dir zu lösen. Und wie schon gesagt. Ich lebe nun mal im 21. Jahrhundert. Hier ist jetzt mein Platz. Da kann ich mir noch so sehr wünschen, hundert Jahre früher zu leben, oder aber in einem Naturstamm, wo Handys auch nicht sehr relevant sind. Aber das wird auch nichts bringen. Da hätte ich dann andere Probleme. Ich gehöre hier her. In diese Zeit, an diesen Ort, wo nun mal nahezu alle Menschen ein Handy besitzen. Und auch ich besitze dich. Und ich werde dich auch behalten. Aber ich werde dir keine Macht mehr geben. Ich werde nicht mehr gegen dich kämpfen. Ab heute werde ich dich in Liebe behandeln. Ab heute werde ich mich immer bedanken, dass ich dich besitzen darf. Ab heute bist du mein Freund, und kein Feind mehr. Ab heute bist du mein Helfer und nicht mein Zerstörer. Ab heute verwende ich dich dazu, wofür du ursprünglich gedacht warst. Um mir zu helfen. Um mir neue Möglichkeiten zu bieten, um mir zu helfen mich weiterzuentwickeln. Und Freunde sind gut zueinander. Freunde stehlen sich keine Zeit mehr, sie bereichern sie. Und Freunde schüren keine Zweifel und Sorgen, sie schenken Freude. Darum habe ich keine Angst mehr vor dir. Ich erkenne, dass du gut zu mir bist. Denn du schenkst mir so viel. Du schenkst mir die Möglichkeit die schönste Musik zu hören und zu ihr zu tanzen. Du schenkst mir die Möglichkeit, meine Gedanken mit der Welt zu teilen, was mir so unglaublich viel Freude bereitet. Du schenkst mir die Möglichkeit mich mit meinen Freunden zu unterhalten, obwohl sie nicht bei mir sind, und mich mit ihnen verbunden zu fühlen. Du schenkst mir die Möglichkeit wunderschöne Momente einzufangen und sie aufzubewahren.Du schenkst mir sehr viel Freude. Und dafür danke ich dir. Aber, was das wichtigste ist. Obwohl du mit all das schenkst, brauche ich dich nicht, um glücklich zu sein. Du machst mein Leben einfacher und auch schöner. Aber ich brauche dich nicht, um ein einfaches, und schönes Leben zu leben. Denn das wichtigste an einer Freundschaft ist, dass man sich niemals von seinem Freund abhängig macht. Denn dann ist es keine Freundschaft mehr, sondern eine Knechtschaft. Darum nehme ich deine Dienste gerne an und bin dankbar für sie, aber ich selbst, ganz alleine ich, bin mir immer genug. Und das wird auch immer so bleiben.

In Liebe,

Marleen

 

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