Seelenbriefe

Seelenbrief über Einsamkeit und die Wahrheit in jedem Menschen

Ich möchte mich verstecken.

Ich möchte nicht gesehen werden.

Ich möchte nicht sein.

Nicht so, wie sie mich sehen.

Denn ich bin anders.

Anders, als sie. Doch manchmal wäre ich gerne wie sie. Einfach, um nicht mehr alleine zu sein.

Aber vielleicht fühle ich mich auch nur deswegen alleine, weil ich ihnen nicht zeige, wer ich wirklich bin.

Aber da sie mich eigentlich gar nicht richtig sehen wollen, bleibe ich weiterhin versteckt.

Geliebte Seele,

heute bekommst du einen Brief von mir geschenkt. Wer weiß, vielleicht hilfst du mir ja dabei ihn zu schreiben, aber ich möchte gerne mit dir reden. Und zwar über ein Thema, was mich schon so lange immer wieder beschäftigt und trifft. Nämlich Einsamkeit. Du kennst es. Du spürst es mit mir. Du weißt, es ist kein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl, hier nicht relevant zu sein. Nicht gesehen zu werden. Einsamkeit ist das Gefühl, das dir dein Herz etwas gefrieren lässt. Liebe Seele, du hast dir schon viel einfallen lassen, um mich nicht mehr einsam fühlen zu lassen. Du hast mir den Schmerz an die Seite gestellt, der mich Tag und Nacht begleitet hat. Der mich nicht mehr einsam hat fühlen lassen, da immer jemand für mich da war. Der Schmerz war mein ständiger Begleiter, vier Jahre lang, ich kannte mich schon nicht mehr ohne ihn. Und alle anderen kannten mich wohl auch nicht mehr anders. Ich war einfach das Mädchen, das bemitleidende Mädchen, dass ständig schreckliche Rückenschmerzen hatte. Ich weiß, geliebt Seele, du wolltest mir helfen. Ich weiß, du hast nur mein Wohlergehen im Sinn. Und bestimmt hat mir der Schmerz auch geholfen. Er hat nur seine Aufgabe erfüllt. Mich nicht mehr allein zu lassen. Doch geholfen hat es nicht. Ich habe mich nur noch einsamer gefühlt. Denn ich hatte niemand, der mich verstanden hat. Niemand hat verstanden, wie schlecht es mir ging. Niemand hat verstanden, was für Gedanken mich plagten. Niemand wollte es verstehen. Niemand war für mich da, der wirklich meine Einsamkeit heilen konnte. Aber der Schmerz hat sein Bestes gegeben. Du, liebe Seele, hast dein Bestes gegeben. Ich weiß es einfach. Du hast dem Schmerz verboten, mich auch noch allein zu lassen. Doch es musste die Zeit kommen, als ich erkannt habe, dass es keine Lösung ist. Ich bin dir wirklich dankbar, dir und meinem Schmerz, doch es war keine Lösung. Und ich verabschiedete mich von ihm. Es war der wohl schönste Tag in meinem bisherigen Leben. Es tat so unendlich gut, ihn gehen zu lassen. Es tat so gut, mich bei ihm zu bedanken, und ihm zu versichern, dass ich ihn nicht mehr brauchte. Es gibt nichts schöneres, als einen alten Freund voller Dankbarkeit fortzuschicken, da man selbst neue Wege einschlagen möchte. Das alles habe ich getan. Es war nicht leicht. Du hast es mir nicht leicht gemacht. Aber das ist in Ordnung. Ich habe es dir auch nicht immer leicht gemacht. Jedenfalls habe ich mich leicht und frei gefühlt, wie selten davor, als er sich verabschiedet hatte. Und plötzlich fühlte ich mich auch nicht mehr einsam. Denn ich beschloss selbst, dass ich nicht mehr einsam bin. Dass ich keinen schrecklichen Schmerz als Begleiter mehr brauche, denn ich besaß bereits alles, was ich je gesucht hatte. Und du hast mir geglaubt. Du hast erkannt, dass ich selbst entscheiden muss, welche Begleiter ich akzeptieren, und welche ich fortschicken möchte. Du hast mir vertraut, dass ich weiß, was gut für mich ist. Dafür möchte ich dir danken. Danke, dass du mir geholfen hast, mich von ihm zu lösen. Danke, dass ich heute frei bin. Doch jetzt kommen die Zweifel zurück. Bin ich wirklich gewollt? Bin ich wirklich relevant? Für die Menschen, die mich umgeben. Gibt es wirklich Menschen, denen ich etwas bedeute? Und ich weiß, dass es Blödsinn ist, so etwas in Frage zu stellen. Ich weiß, dass es mich nicht geben würde, wenn sich niemand für mich interessieren würde. Und ich weiß, dass meine Familie mich über alles liebt. Doch trotz allem fühle ich, dass ich nicht gesehen werde. Ich hatte nur eine Person in meinem Leben, die mich gesehen hat, wie ich bin. Meine Beste Freundin. Bei ihr habe ich mich nie einsam gefühlt. Bei ihr habe ich mich immer gesehen gefühlt. Bei ihr habe ich mich immer zuhause gefühlt. Bei ihr konnte ich immer so sein wie ich bin. Und ich wünsche jedem Menschen eine solche Person in seinem Leben. Doch wir haben uns verlassen. Wenn ich in die Vergangenheit sehe, stelle ich fest, dass ich einen Teil von ihr ebenfalls hinter mir ließ, als ich auch meinen Schmerz gehen sah. Den einen Teil von ihr, den Teil unserer Freundschaft, der uns zu einem machte. Der Teil, der uns zu Seelenverwandten machte, der Teil, der uns in die Seele des anderen hat sehen lassen. Ich ließ ihn los. Und das wird mir erst jetzt bewusst. Das wollte ich nie tun. Geliebte Seele, ich wollte es nie tun! Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich nun doch auch heute noch einsam fühle. Ich dachte, ich wäre es nicht mehr, da nun endlich der Schmerz weg war. Doch ich habe gleichzeitig die Person verloren, die eigentlich immer für mich da war, und mir das Gefühl der Einsamkeit immer wieder genommen hatte. Und was soll ich jetzt machen? Völlig allein gelassen? Seele, sage mir, was ich tun soll! Ich bin umgeben von fremden Menschen, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen, jedoch alle mitspielen. Wenn ich etwas in der letzten Zeit gemerkt habe, dann, dass doch alle irgendwem irgendetwas vorspielen. Wir täuschen Selbstsicherheit vor, Wissen, Interesse, Mitgefühl. Doch wann öffnen wir uns? Ich habe keine Lust mehr versteckt zu bleiben. Ich möchte zeigen wer ich bin. Das möchtest du doch auch, nicht wahr? Du möchtest doch auch nicht mehr versteckt bleiben. Du möchtest dich doch auch so gerne ausdrücken. Du möchtest auch authentisch sein. Und solange du und ich, wir gemeinsam, das nicht machen, werden wir uns ewig einsam fühlen. Um die Seelen anderer erkennen zu können, müssen wir unsere eigene Seele öffnen. Wir müssen uns verletzlich zeigen, wir müssen uns schwach zeigen, wir müssen uns nackt zeigen. Ohne die Masken, die wir uns aufgesetzt haben, um all das vermeintlich negative in unserem Leben zu verbergen. Und erst, wenn wir so offen zu sehen sind, dass all‘ unsere Makel zu sehen sind,  sehen die andere auch unsere Stärke, unsere Schönheit, unsere Sanftheit. Erst dann sehen sie wirklich dich, die Seele. Doch geht das alles heutzutage noch? Was würde geschehen, wenn ich mich jedem zeige wie ich bin? Ich weiß es nicht, denn ich habe es noch nie getan. Vielleicht, weil ich Angst habe. Angst vor Missverständnis, Angst vor der Wahrheit. Doch diese Angst ist in jedem von uns. Weil wir schon als Kinder lernen, nicht genug zu sein. Weil wir schon als Kinder lernen, dass wir anderen gefallen müssen, weil wir lernen, dass wir tun müssen, was Mama und Papa sagen. Doch dabei verlernen wir, uns zu öffnen. Wir können uns nicht mehr zeigen, so wie wir wirklich sind, weil das niemandem gefallen würde. Und darum, kehre auch ich nicht zurück, voller Mut, und zeige mein wahres Ich. Nein, ich verstecke mich, lasse die anderen entscheiden, wer ich für sie bin, und bleibe in der Einsamkeit gefangen. Was meinst du, geliebte Seele, wäre es es nicht wert, mal mutig zu sein?

In Liebe,

dein Ich

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