Allgemein,  Gedanken

über den Wunsch berühmt zu werden

Wir träumen davon. Eines Tages berühmt zu sein. Bekannt zu sein. Für irgendetwas. Es geschafft zu haben. Groß rauszukommen. Von anderen bewundert zu werden. Wir träumen davon. Glauben daran, dass dann unser Leben so viel besser sein würde. Wir schwelgen in Vorstellungen, von denen wir insgeheim wissen, dass sie nie Realität werden. Ich weiß nicht, ob es jeder Mensch tut. Aber ich habe es getan.

Heute ist Sonntag und es regnet. Aber ich war draußen um zu trainieren. Ich habe Bergläufe gemacht mit Gegenwind. Und eigentlich hat mir das Wetter überhaupt nichts ausgemacht. Denn ich habe gelernt, dass das Wetter egal ist. Ich habe gelernt, dass es egal ist, wie nass es ist, wie dunkel, oder wie kalt. Es gibt Regenjacken, Stirnlampen und dicke Laufjacken. Und danach eine heiße Dusche. Das habe ich gelernt, in den jetzt schon mindestens zehn Jahren, in denen ich Leichtathletik mache. Und ich habe mir verboten undiszipliniert zu sein. Der Trainingsplan musste eingehalten werden. Jeden Tag musste das Training absolviert werden, und zur Not vorverlegt. Wenn ich krank war habe ich mich schlecht gefühlt. Nicht unbedingt wegen meiner Krankheit, sondern weil ich nicht trainieren konnte. Ich hatte ein so schrecklich schlechtes Gewissen. Dass ich so viel versäume. Dass ich meine ganze Form verlieren werde, dass ich jetzt versage. Ich weiß nicht wie viele Trainingseinheiten ich in den letzten Jahren habe ausfallen lassen, einfach weil ich überhaupt keine Lust auf sie hatte. Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht, dass es mehr als fünf waren. Und einerseits muss man ja auch nicht stolz darauf sein, seinem Schweinehund nachzugeben, nein, ich bin sogar stolz darauf so konsequent gewesen zu sein, aber irgendwie habe ich trotzdem das Gefühl, dass es mir überhaupt nicht gut getan hat.

Und wie ich heute im Regen in meiner Pause den Berg runtergelaufen bin und mich gefragt habe, ob ich durch dieses Training eines Tages berühmt sein kann, kamen mir plötzlich die Worte:

Ich möchte eigentlich gar nicht, dass mich andere Menschen kennen. Ich möchte nur, dass ich mich selbst kenne.

Ist das nicht eigentlich viel wichtiger?

Ich glaube, der Grund, weshalb ich jahrelang unermüdlich trainiert habe war der, dass ich dachte, ich müsse es tun, um berühmt zu werden. Ich habe davon geträumt eines Tages Deutsche Meisterin zu werden, bei internationalen Meisterschaften zu starten, aber vor allem habe ich davon geträumt, dass andere Menschen bewundernd von mir reden. Und ich dachte, das funktioniert am Besten, wenn ich sportlich erfolgreich bin. Aber heute bin ich 18 Jahre alt, und mein größter Einzelerfolg ist, dass ich bei den Deutschen Jugendmeisterschaften vor drei Jahren im B-Finale über 400m Hürden stand. Das ist auf jeden Fall nicht das, was ich mir bei meinem täglichen Training gewünscht habe. Dabei ist es nicht so, dass mir mein Training kein Spaß macht. Es macht mir sogar sehr viel Spaß. Noch mehr Spaß, als mir je ein Wettkampf Spaß gemacht hat. Wettkämpfe waren für mich immer das notwendige Übel um Trainieren zu dürfen. Und eigentlich ist es da dann keine Überraschung, dass ich bei Wettkämpfen meine Leistung aus dem Training fast nie abrufen konnte. Und immer habe ich mich dafür verurteilt. Aber heute habe ich verstanden, dass es überhaupt nicht nötig ist mich dafür zu verurteilen. Mal davon abgesehen, dass Verurteilungen nie nötig sind.

Denn heute habe ich verstanden, dass es Menschen gibt, die geboren wurden um berühmt zu werden, und Menschen die dafür nicht geboren wurden.

Und vor allem habe ich verstanden, dass beides richtig und gut so ist. Dass nicht die einen die besseren Menschen sind. Dass niemand schlechter als der andere ist. Ich habe es verstanden. Mein Herz hat es verstanden. Ich habe es gespürt. Und plötzlich war mir klar, dass ich ein Mensch bin, der nicht für’s Berühmtsein geboren wurde. Jedenfalls nicht für’s Berühmtsein in der Leichtathletik. 

Ich möchte nicht sagen, dass man nicht an sich glauben darf. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass man groß denken muss, dass man wissen muss, dass wirklich alles möglich ist, dass man daran glauben darf, dass man Großes erreichen kann. Und ich glaube daran, dass ich Großes erreichen werden. Vielleicht weiß ich nur noch nicht, wie dieses Groß aussehen kann. Und vielleicht sieht es anders aus, als ich es mir jetzt vorstellen und wünschen kann.

Aber hier geht es mir darum, zu sagen, dass es normal ist, dass Menschen verschiedene Lebensaufgaben haben. Und dass sie diesen folgen müssen um glücklich zu werden. Ich möchte hier gar nicht zu spirituell klingen, auch wenn ich selbst an einen Seelenplan und so was glaube, aber ich denke, das können andere Menschen besser erklären als ich. Ich möchte nur sagen, dass es richtig sein kann, wenn du in etwas nicht erfolgreich bist. Vielleicht sollst du darin einfach nicht erfolgreich sein. Oder vielleicht sieht dein wahrer Erfolg anders aus, als du ihn definierst. Vielleicht liegt dein Erfolg in deinem Versagen. Weil du dadurch verstehst, dass du nicht gewinnen musst, um ein Gewinner zu sein. Weil du dadurch verstehst, dass du wegen anderen Dingen hier auf der Welt bist.

Es gibt Menschen, die sind hier um berühmt zu sein. Daran glaube ich. Menschen, die hier sind um andere zu inspirieren, ihnen Mut zu machen, ein Vorbild zu sein. Menschen, die so bekannt sein müssen, dass dieser eine fremde Mensch von ihnen erfährt und von ihnen berührt wird. Dieser eine bestimmte Mensch, dessen Leben sich durch den weitbekannten Star als Vorbild zum Besseren verändern kann. Ich glaube daran, dass es die Lebensaufgabe von Menschen sein kann berühmt sein. Aber ich glaube auch daran, dass es eine Lebensaufgabe sein kann nicht berühmt zu sein. Und trotzdem kann man andere Menschen inspirieren, ihnen Mut machen und ein Vorbild für sie sein. Denn vielleicht ist dieser eine Mensch, der von diesen Menschen berührt werden muss ein Teil seiner Familie. Darum ist es nicht nötig, weltbekannt zu sein. Das wäre dann ja nur Energieverschwendung. 

Jetzt im Nachhinein macht es wirklich viel Sinn für mich. Ich bin nicht hier, um eine berühmte Leichtathletin zu werden. Auch, wenn das ein großer Wunsch meines Vergangenheit-Ichs war. Aber man muss eigentlich nur meinen Körper und mein Wesen ansehen. Sollte ich eine erfolgreiche Läuferin werden, hätte ich keine so kräftigen Beine. Sollte ich eine erfolgreiche Läuferin werden, würden mir Wettkämpfe unendlich viel Spaß machen. Sollte ich eine erfolgreiche Läuferin werden, würde das viele Training mich schneller machen. Und es tut wirklich weh, diese Feststellungen zu machen. Aber gleichzeitig ist es auch so befreiend. Denn ich verstehe jetzt, warum ich es nicht hinbekommen haben dünne Läuferbeine zu bekommen. Einfach, weil ich es nicht nötig hatte. Ich verstehe, warum mir Wettkämpfe mehr Angst als Freude bereitet haben. Einfach, weil ich keine Wettkämpferin bin, sondern lieber gegen mich selbst kämpfe. Ich verstehe, warum ich meine Trainingsleistungen nicht in Wettkampf abrufen konnte. Einfach, weil es in meinem Leben um das Training, nicht um den Wettkampf geht.

Und so wunderbar befreiend all‘ diese Erkenntnisse auch sind. Da ist immer noch diese Stimme in meinem Kopf die flüstert: Das ist alles nur eine Ausrede. Eine Stimme, die mir einbläuen möchte, dass es nur ein Versuch meines Verstands ist, mein Versagen zu erklären. Dass es ein Versuch ist, das Zerplatzen meines Traumes zu rechtfertigen. Dass es doch nur ein Aufgeben ist. Ein schreckliches, zu verurteilendes, schlechtmachendes Aufgeben. Dass ich einfach aufgehört habe an mich zu glauben. 

Die Stimme ist da. Und sie macht mir Angst. Ich habe Angst davor, dass sie Recht hat. Aber noch mehr Angst habe ich davor, auf sie zu hören und weiter zu machen wie bisher.

Denn da war so viel Schmerz. So viel Schmerz in mir. In meiner tiefsten Seele. Nach eigentlich jedem bestrittenem Wettkampf. Der Schmerz nicht gut genug zu sein. Ich habe mich so schrecklich klein gemacht. Kleiner, als all‘ die anderen. Und ich habe gehofft mich unter dieser Unscheinbarkeit verstecken zu können. Ich habe gehofft darunter meinen ganzen Schmerz verstecken zu können. Und so habe ich mich immer in eine andere Person verwandelt. 

Aber das möchte ich nicht mehr. Ich möchte mich nicht mehr schlecht fühlen, weil ich keine so schnelle Läuferin wie andere bin. Ich möchte mich nicht mehr schlecht fühlen, weil andere schönere Läuferbeine haben als ich. Darum ist es mir egal, was diese Stimme in meinem Kopf sagt. Soll sie doch schwätzen. Soll sie doch Recht haben. Es ist mir egal. Denn jetzt sind mir andere Dinge wichtig.

Mir ist wichtig, warum ich dann auf dieser Welt bin.

Und ich schreibe diesen Artikel, weil ich mir wünsche, dass du dich das auch fragst. Bist du hier um berühmt zu sein? Worin auch immer. Wenn ja: Genial! Los geht’s! Glaube an dich! Kämpfe für deinen Erfolg! Wisse, dass du Großes erreichen kannst! Und wenn nein: Genial! Los geht’s! Glaube an dich! Kämpfe für deinen Erfolg! Wisse, dass du Großes erreichen kannst! 

Denn es ist egal, ob du hier bist um berühmt zu sein, oder ob du hier bist um ganz „normal“ zu sein. Im Endeffekt geht es nicht darum, von möglichst vielen Menschen gekannt zu werden. Im Endeffekt geht es darum, dich selbst möglichst gut zu kennen.

Und es geht darum, das zu tun, was dich glücklich macht. Und zwar, weil es dich glücklich macht. Und nicht weil jemand von dir erwarten könnte darin erfolgreich zu sein. Bitte erwarte das auch nicht von dir selber. Glaube nicht daran, dass du nur erfolgreich bist, wenn du eines Tages berühmt bist. Glaube nicht daran, dass dich das glücklich machen würde. Strebe nicht danach, wenn das nicht der Grund ist, weshalb du hier bist.

Bitte strebe danach dein eigenes Glück zu finden. In jedem einzelnen Augenblick.

Und es dann mit anderen Menschen zu teilen.

Ein Kommentar

  • Papa

    Du bist der wunderbarste und zugleich verwunderlichste Mensch den ich kenne. Unfassbare Wahrheit und Weisheit. Ich habe dich zu diesem Sport gebracht. Und ich habe dich darin losgelassen. Du bist die Freiheit, die ich allen meinen Kindern wünsche. Lebe. Lebe. Folge deinem Herzen. Folge der Liebe. Denn DU bist frei. Vollkommen. In Dankbarkeit und Liebe. Papa.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.